Die scheinbar unlösbare Hausaufgabe

Die junge Sybill Trelawney saß mit ihren Mitschülerinnen in der Bibliothek in Hogwarts und schaute angestrengt auf ein leeres Blatt Papier.

„Oh Mann, ich weiß einfach nicht, was ich schreiben soll“, sagte Mary, eine Freundin zu ihrer Linken.

„Was bekommen wir auch so eine schwere Hausaufgabe auf! Ich meine, was soll schon in unserem Lieblingsfach passieren? Ich weiß ja noch nicht einmal, was mein Lieblingsfach ist.“

Sue, eine Freundin zur rechten Seite, schaute genauso maulig drein wie ihre Vorrednerin. Sybill starrte immer noch auf ihr Blatt. Auch sie wusste nicht recht, wie sie anfangen sollte. Sie kannte ihr Lieblingsfach genau, aber wie sollte sie einen geeigneten Anfang für eine Geschichte finden? Sie mussten einen Aufsatz scheiben, was in ihrem Lieblingsfach so Spannendes passieren könnte. Sie wollte gerade etwas zu ihren Freundinnen sagen, als ihr auf einmal ganz schummrig wurde. Die Gegenwart schien zu verschwimmen. Sie schaffte es gerade noch ihre Hand zu heben, als sie auf ihrem Stuhl in sich zusammensackte. Sue und Mary bemerkten dies und wollten sie gerade leicht schütteln, als Sybill hochschreckte und anfing zu sprechen:

Sybill Trewlaney„Sybill Trelawney! Du wirst eine großartige Lehrerin. Du findest schnell deine wahre Bestimmung. Viele, viele Jahre werden vergehen. Dann stehst du vor deiner eigenen Klasse. Vorhersagen sind deine Stärke und du bist eine der angesehensten Wahrsagelehrerinnen, die es je gegeben hat. Aber es passieren auch unvorhergesehene Dinge. Eines Tages hast du ein solches Erlebnis in deinem Unterricht. Du gehst wie jeden Morgen in deine Klasse, um zu unterrichten. Die Schülerinnen und Schüler sitzen müde in ihren Bänken, was dich immer wieder auf die Palme bringt. Den Wahrsageturm hast du mit all deinen Lieblingsstücken dekoriert. An den Wänden hängen Plakate über bekannte Wahrsager und Astrologen. Von der Decke hängen seltene Teewurzeln, die du auch für deine Praktiken nutzt. In einem morschen Holzschrank an der linken Wand befinden sich lauter unterschiedliche Kaffeetassen und Gedecke. Die Schülerinnen und Schüler sitzen auf dunkelrot angestrichenen Holzbänken, die jeweils rechts und links mit gelben Monden und Sternen bemalt sind. Heute sollen sie aus Kaffeetassen lesen. Deine Zweitklässler schauen gelangweilt in die Tassen. Niemand weiß so recht, was er daraus lesen soll. Du verteilst gerade grüne Teeblätter an zwei Schülerinnen, als sich plötzlich der Himmel verdunkelt. Im Wahrsageturm ist es nun so dunkel, dass einige Schüler „Lumos“ rufen und ihre Zauberstäbe erleuchten. Du beruhigst sie und läufst zu einer der Fackeln, die an der Wand hängen. Gerade, als du mit der Fackel in den Raum leuchtest, fällt dir eine Tasse im Klassenraum auf. Die Tasse von Lisann fängt verdächtig an zu qualmen. Was ist da los? Die Tasse scheint dich magisch anzuziehen. Du vergisst, den Lichtschalter zu betätigen und gehst im schummrigen Licht zum Platz von Lisann, die erschreckt zurückweicht und dich ängstlich anschaut. Du näherst dich der Tasse und blickst vorsichtig hinein. Dein Blick verdunkelt sich und du siehst Lisann erschrocken an. Mit lauter Stimme sagst du ihr, dass heute Abend beim Quidditchspiel etwas Schlimmes passieren wird und sie sich hüten muss. Sie darf auf keinen Fall zum Quidditchfeld gehen. Just, als du dies ausgesprochen hast, lösen sich die Wolken schlagartig auf und die Sonne scheint ins Turmzimmer. Die Schülerinnen und Schüler starren verängstigt zu Lisann und dir und machen keine Anstalten, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Wie in einer Art Schockstarre, sind ihre Augen auf dich gerichtet. Was hat das zu bedeuten? Du bist ein wenig verängstigt, denn so etwas ist dir zuvor noch nicht passiert. Du hast schon viel vorhergesehen, doch heute ist etwas anders. Für gewöhnlich fällst du in eine Art Trance, sagst etwas vorher und erinnerst dich danach nicht mehr daran. Erst wenn dir andere von deiner Vorhersage erzählen, wird dir klar, was gerade geschehen ist. Doch nun bist du bei vollem Bewusstsein und dir im Klaren, was du gerade gesehen hast. Es ist wie eine Warnung, dass etwas Schlimmes passieren wird. Noch einmal warnst du Lisann davor, heute Abend zum Spiel zu gehen. Einige Schüler beginnen zu tuscheln und schütteln leicht irritiert den Kopf. Anscheinend glauben nicht alle an die Gabe von dir und halten den Unterricht für nicht allzu sinnvoll. Du gibst schließlich nach und setzt den Unterricht fort. Kurz vor Unterrichtsende versuchst du noch einmal mit Lisann zu sprechen, doch mit dem Läuten der Schulglocke ist sie sofort von ihren Mitschülerinnen umringt. Die meisten Schülerinnen und Schüler laufen hektisch aus dem Turm, sodass du keine Möglichkeit mehr hast, Lisannn eindringlich darum zu bitten, sich in Acht zu nehmen. Nachdenklich schaust du ihr nach. Der Tag vergeht und es wird bereits dunkel, als plötzlich die völlig aufgelöste Lisann zu dir in den Turm gerannt kommt. Sie ruft immer wieder deinen Namen und erzählt dir schließlich das Unfassbare: Lisann geht zum Spiel und hat dann doch so große Bedenken, dass sie diesmal nicht wie sonst ihren üblichen Platz beim Quidditchspiel einnimmt. Während der dreizehnten Minute passiert auf einmal etwas Schreckliches. Donald, der Jäger der einen Mannschaft, kommt mit dem Schläger so unglücklich an einen Klatscher, dass dieser im direkten Sinkflug, mit sehr großer Geschwindigkeit, auf einen Platz in der Osttribüne prellt. Der Platz, wo der Klatscher aufkommt, ist völlig zerstört. Wie es der Zufall will, handelt es sich hierbei um Platz vierzehn, der Platz, auf dem immer Lisann sitzt. Lisann wäre wohl mit schweren Verletzungen in den Krankenflügel gekommen. Geschockt vom Geschehenen begreift Lisann, dass sie, dank der Vorhersage, einem schlimmen Unglück entkommen ist. Dich bewegt diese Erzählung so sehr, dass du von diesem Zeitpunkt an weißt, dass du die beste Entscheidung getroffen hast, als du den Entschluss fasstest, eine Wahrsagelehrerin zu werden.“

„Sybill?“ Ihre Freundin schüttelte sie heftig.

Sybill kam zu sich und schaute irritiert ihre Freundin an. Was war geschehen? War dies ein Traum?

„Bin ich eingeschlafen?“, fragte Sybill Sue, die hastig zu ihr gekommen war und nun neben ihr hockte.Diese schüttelte den Kopf.

„Weißt du, was du gerade gesagt hast? Du hast laut und deutlich gesprochen. Mir ist immer noch ganz anders.“

Sybill schaute sich misstrauisch um. Also war es doch wahr, was sie gerade geträumt hatte? Oder war das gar kein Traum?

„Das war merkwürdig“, mischte sich Mary ins Gespräch ein, „fast so, als wenn du eine Nachricht aus der Zukunft übermittelt hättest.“

Sybill rappelte sich etwas auf und sah sich um. Sie waren immer noch in der Bibliothek. Niemand sonst befand sich im Raum. Vor ihr lag immer noch das leere Blatt Papier, auf dem nur ganz oben „Unterricht in meinem Lieblingsfach“ stand. Sie fühlte sich sonst gut und auch nicht mehr benommen oder schummrig. Sie fühlte sich gerade so, als wenn nichts gewesen wäre. Die Mädchen diskutierten noch ein wenig weiter, konnten sich die Situation allerdings nicht weiter erklären. Sybill dachte noch länger über das Geschehene nach. Und auch wenn sie sich all das noch nicht so recht erklären konnte, wuchs in ihr der Wunsch, einmal Wahrsagelehrerin zu werden.

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